Warum schweigen die Lämmer? – Techniken des Meinungs und Empörungsmanagements – Rainer Mausfeld (1:40:08)

Warum reagieren wir nicht?

Abstract

Prof. Dr. Rainer Mausfeld, Wahrnehmungs- und Kognitionsforscher und Professor für Allgemeine Psychologie (Kiel) hielt diesen Vortrag Mitte 2015. Der von einem Studenten veröffentlichte Beitrag erlebte einen wahren Boom bei Youtube.

Die vor ca. 150 Jahren durch Gustave Le Bon und Edward Bernays entwickelten Propaganda- und PR-Techniken wurden so weiterentwickelt, dass sie unsere Wahrnehmungsschwelle unterlaufen. Selbst in Kenntnis der angewandten Techniken ist es praktisch unmöglich ihnen zu entgehen.

Diese Techniken werden verwendet, um uns die Illusion von Demokratie und Freiheit sowie der Informiertheit zu geben.

Die Fakten, die uns alarmieren müssten, liegen alle auf dem Tisch, führen aber nicht dazu, dass wir uns zielgerichtet wehren, was im Wesentlichen daran liegt, dass das eigentliche Zentrum der Macht unsichtbar geworden ist.

 

Die Vorträge und Interviews von Prof. Dr. Mausfeld sind so beeindruckend, dass man sich nach Möglichkeit alle (derzeit 3) ansehen sollte:

 

Beschreibung

Hinweis: Es gibt eine noch ausführlichere Zusammenfassung des Vortrags im Internet (gleicher Vortrag, aber gehalten am 22. April 2016 im Rahmen der 17. Aachener Friedenstage).
Es gibt außerdem ein vollständiges Transkript als PDF-Datei, das den kompletten Wortlaut inkl. Quellenangaben enthält, nicht jedoch die abschließende Publikumsdiskussion.

 

Verhinderung von echter Demokratie

Den Eliten war schon lange Zeit klar, dass eine echte Demokratie dazu führen würde, dass die Masse das Vermögen der Reichen unter allen aufteilen würde, was es zu verhindern galt. Dies stellte bereits Thukydides (454-399 v. Chr.)  fest, dessen Idee eine Gesellschaftsform war, die „dem Namen nach eine Demokratie“ wäre, „in Wirklichkeit“ aber „die Herrschaft des ersten Mannes“.

Diese Sichtweise hatten u. A. auch Aristoteles und James Madison (Gründervater der Vereinigten Staaten und 4. Präsident).

Die jeweils herrschenden Eliten bemühen sich, demokratische Strukturen in einer für die Bevölkerung möglichst unsichtbaren Weise zu erodieren („taking the risk out of democracy“). Beispiele: Weltbank, IWF, TTIP, „Troika“.

Westliche Demokratien gleichen eher Oligarchien. Den USA wurde das durch die Studie von M. Gilens und B. I. Page bescheinigt. Demnach haben die unteren 70% (Einkommens- und Vermögensskala) der Bevölkerung keinen Einfluss auf politische Entscheidungen.

 

Neoliberalismus

Und das sieht in Europa nicht anders aus. Das Wall Street Journal stellt fest, dass das neoliberale Programm nicht mehr demokratisch abwählbar ist.

Neoliberalismus und Demokratie sind miteinander unverträglich, wie auch Milton Friedman feststellte: „a democratic society once established, destroys a free economy“ (Milton Friedman, 1990, Newsletter of the Mont Pelerin Society).

Eine Demokratie ist also quasi nur zulässig, solange die Wirtschaft von demokratischen Entscheidungsprozessen verschont bleibt, d. h. solange eine Demokratie keine ist.

 

Sicherung des Status Quo der Eliten

Für die Stabilität des gegenwärtigen Status politischer Eliten ist es wichtig, die Illusion von Demokratie als einer „necessary illusion“ aufrechtzuerhalten. Notwendige Voraussetzung: Eine weitgehend entpolitisierte und von Apathie und Zynismus befallene Bevölkerung.

Geeignete Techniken dafür sind:

  • Apathie-Induktion (z. B. Sorgen, Ängste, Konsumismus …)
  • Meinungsmanagement (z. B. Illusion der Informiertheit) und
  • Empörungsmanagement

 

Meinungsmanagement

Harold Lasswell stellt fest (Encyclopedia of social sciences), dass Demokratien gegenüber von Diktaturen den Vorteil haben, dass Meinungsmanagement kostengünstiger als Gewalt, Bestechung oder anderer möglicher Kontrolltechniken ist.

„Die bewusste und intelligente Manipulation der Verhaltensweisen und Einstellungen der Massen ist ein wesentlicher Bestandteil demokratischer Gesellschaften. Organisationen, die im Verborgenen arbeiten, lenken die gesellschaftlichen Abläufe. Sie bildet eine unsichtbare Regierung, welche die wahre Herrschermacht unseres Landes ist.“ („Propaganda“ – Edward Bernays).

Nach Paul Lazarsfeld dient die Flut von Informationen eher dazu, den durschnittlichen Leser zu narkotisieren und ihm die Illusion der Informiertheit zu geben, als ihm Antrieb zu geben.

Kognitive Techniken des Meinungsmanagements:

  • deklariere Meinungen als Fakten [Anm.: im Vortrag steht es auf der Folie anders herum]
  • fragmentiere die Darstellung eigentlich zusammenhängender Fakten dergestalt, dass der Sinnzusammenhang (z. B. geschichtliche Kontinuität) verloren geht
  • dekontextualisiere Fakten: dadurch werden Fakten aus dem Zusammenhang gerissen, die nur im Kontext zu verstehen sind. Sie werden zu isolierten Einzelfällen ohne moralische und politische Implikationen
  • rekontextualisiere Fakten: dadurch werden Fakten in einen fremden Sinnzusammenhang eingebettet, der sie als etwas anderes erscheinen lässt als das, was sie tatsächlich sind, sodass z. B. Folter und schwere Menschrechtsverletzungen ihre natürliche Empörungsfunktion verlieren
Die Psychologie hat eine Fülle von Erkenntnissen zur Meinungsbildung.
Je häufiger eine Aussage z. B. wiederholt wird, desto mehr steigt der subjektive Wahrheitsgehalt und das sogar dann, wenn den Menschen vorher gesagt wurde, dass die Aussagen falsch sind! Beispiele: Die „faulen Griechen“ und die „Krim-Annexion“.

 

Unsichtbarmachen von Fakten

Strukturelle Gewalt ist an sich schon „moralisch unsichtbar“, weil hier der „Täter“ häufig eine Institution ist und daher nicht klar greifbar ist (z. B. Weltbank).
Große Dinge können nicht ohne Weiteres unsichtbar gemacht werden.  Beispiel: Seit 1945 sind in den US-amerikanischen Kriegen 20-30 Millionen Zivilisten ums Leben gekommen. Allein 4 Millionen Muslime starben im sog. „Krieg gegen den Terror“.

Der „Krieg gegen den Terror“ oder die „humanitären Interventionen“ oder der „Kampf für die Demokratie“ sind Rekontextualisierungen.

 

Empörung lenken

Je nachdem in welche Richtung die Empörung gerichtet ist, gibt es zwei Strategien:

  • Aufstandsbekämpfung durch z. B. CIA oder JSOC (Joint Special Operations Command), wenn die Empörung gegen die eigene oder befreundete Regierungen gerichtet ist
  • Aufstandsorganisation („democracy promotion“) durch „sanfte Revolutionen“ wie z. B. in der Slowakei, in Serbien, in Georgien, in der Ukraine, im Libanon, in Kirgisien.

Sogenannte Graswurzelbewegungen (engl. astroturfing) sind gezielte Propagandaaktionen, die den Anschein erwecken, als würden sie den Protest der Bevölkerung gegen die Regierung oder bestimmte Politiker ausdrücken. Solche PR-Aktionen sind inzwischen käuflich [Anm. d. Autors: eine Organisation ist z. B. „Otpor“, die derzeit in über 40 Ländern aktiv ist].

 

Diskussion (sinngemäß und nur teilweise wiedergegeben)

Frage: Warum lassen die Medien die Fakten nicht gleich weg, anstatt sie umständlich unsichtbar zu machen? Sind die Medien Komplizen der Machteliten?
Antwort: Fakten unerwähnt zu lassen wäre zu einfach und würde eher auffliegen.
Es gibt keine Zentrale, in der die Dinge reguliert werden, sonden Banken und Medien sind Teil des Systems. Daher sind Journalisten auch keine Lügner, sondern sie entstehen in einem System von Filterinstanzen (genauso wie an der Universität auch). Prof. Mausfeld sagt, dass „… diejenigen, die durch diese Filtermechanismen durchkommen, in der Regel auch die sind, die die Normen des Systems am tiefsten verinnerlicht haben.“
Am anfälligsten für die Illusion der Informiertheit sind die gebildeten Schichten (früher Bildungsbürgerturm) weil sie am stärksten indoktriniert wurden in dem System durch das sie sozialisiert wurden.

Frage: Befinden wir uns heute in einer besseren Lage als früher, um etwas gegen die Entwicklungen unternehmen zu können?
Antwort: Die letzten 30 Jahre sind ein extremer Abbau dessen, was bereits erreicht wurde. Die Techniken der psychologischen Manipulation wurden so ausgefeilt, dass wir uns heute in einer schlechteren Lage befinden. Es gibt keine Waffengleichheit. Unsere letzte Rettung ist das Licht der Vernunft. Wir wissen im Gegensatz zu einer Diktatur heute gar nicht mehr, wer der Gegner ist, weil alles so abstrakt ist.

Frage: Kann man die Lämmer, die vor der Schlachtbank stehen, dazu bewegen, mehr Verantwortung zu übernehmen?
Antwort: Von denen, die akut bedroht sind, kann man keine Gegenwehr erwarten. Wehren können sich nur die, die sich in einer privilegierten Situation befinden. Eine positive Sicht ist die, dass der bisherige Verlauf der Geschichte die Möglichkeiten des menschlichen Geistes noch nicht voll ausgereizt hat.

Frage: Gibt es auch Beispiele für positive Entwicklungen in Deutschland?
Antwort: Diese positiven Dinge findet man jeden Tag überall. Sie finden überall Leute, die das Schweigen der Lämmer durchbrechen. Diese Leute findet man auf allen Ebenen. Das eigentliche Zentrum der Macht ist aber unsichtbar geworden. Es ist ungeheuer schwierig, dieses Zentrum der Macht zu erreichen.

Frage: Kann man auf irgendeine Weise verhindern, dass lauter Leute ohne Empathie an die Spitze gelangen (evtl. durch MRT)?
Antwort: Das ist tatsächlich ein Bereich der Forschung (bezahlt durch Pentagon/CIA), die die Fragestellung „kann man Psychopathen rechtzeitig erkennen“ untersuchen, um sie möglicherweise eugenisch pränatal auszuschalten.
Es ist aber tatsächlich auch erwiesen: je höher Sie in den Führungsetagen hoch gehen, desto mehr häufen sich nach allen klinischen Kriterien die Psychopathen. Das ist aber gar nicht überraschend. Psychopathen sind Menschen, die keine moralischen Barrieren kennen.
Die Frage ist, wie kann man eine Gesellschaft so organisieren, dass ihre Kerninstitutionen nicht totalitär sind? D. h. das Problem sind nicht die einzelnen Personen, sondern die Institutionen, die solche Charaktere begünstigen.

Bewertung

Der Vortrag trifft voll ins Schwarze. In meiner seit Mitte 2015 währenden Suche nach einer der Hauptquellen allen Übels meine ich, hier einen wesentlichen Beitrag gefunden zu haben. Die ausführliche Quellenangabe macht ihn nicht so sehr anfällig für den Vorwurf einer Verschwörungstheorie, der ihm meiner Meinung nach aber trotzdem nicht erspart bleiben wird.

Ich fühle mich in meiner bisherigen Meinung bestätigt, dass es systemische Gründe hat, warum die Machteliten, sowie z. B. Politik und Medien scheinbar koordiniert zusammenarbeiten.

Solche Art von Aufklärung, wie in diesem Vortrag, kann den Eliten möglicherweise doch irgendwann gefährlich werden.

Dieser Vortrag ist für viele evtl. zu trocken. Für mich hat er jedoch so eine Brisanz, dass ich überlege, eine neue 6-Sterne Kategorie zu eröffnen. Solange das nicht der Fall ist, vergebe ich volle 5 Sterne.

 

Erkenntnisse

Ich war überrascht, so deutliche Worte für das dumpfe Gefühl zu finden, dass ich seit langem habe. Es ist erstaunlich, wie zielgerichtet Psychologie angewandt wird, um die Bevölkerung weitgehend ruhig zu stellen.

Ganz neu war für mich die klare Aussage, dass Demokratie und Neoliberalismus miteinander unvereinbar sind. Dass durch die Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg versucht wurde, Demokratie zu verhindern und dass es dazu Aussagen von diversen berühmten Persönlichkeiten gibt, ist schlicht unglaublich.

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